Am Gedenkstein für die von den Nazis zerstörte Frankfurter Synagoge erinnerte Gerhard Hoffmann vom Bund der Antifaschisten Frankfurt (Oder) anlässlich des siebzigsten Jahrestages des faschistischen Pogroms vom 9. November 1938 an den jüdischen Mitbürger Heinz Wollmann und seine Familie.
„Am 9. November 1938 gegen vier Uhr morgens wurde wie wild an unsere Tür gebummert, wir hörten ein Gebrüll: ‚Sofort aufmachen!’ Zwei SS-Männer in schwarzen Uniformen standen davor. …
Als erste warfen sie die Standuhr um, dann fegten sie aus dem Büfett die Gläser auf den Boden.
Mein Vater rief: ‚Wie benehmen Sie sich hier!’ Meine Mutter: ‚Was erlauben Sie sich mit meinem Geschirr!’ ‚Halten Sie die Schnauze!’, war die Antwort.
Einer ging mit erhobener Hand auf meine Mutter zu, wie um sie zu schlagen, da ergriff ich einen Stuhl und ging auf den Mann los. Er fing den Stuhl ab, und nun nahmen sie nicht nur meinen Vater, sondern auch mich mit: ‚Dir frechem Judenlümmel werden wir’s zeigen!’ Man hat uns dann ins Gefängnis unten an der Oder gebracht. … Zwei Tage später wurden wir auf einen Lastwagen geladen. Vor dem Abtransport wurde ich noch einmal furchtbar verprügelt, sie hefteten mir einen Zettel an Frecher Judenbengel und instruierten die Leute, die uns ins KZ bringen sollten, dass ich eine ‚Sonderbehandlung’ bekommen sollte.“
;Zitat aus einem Bericht von Heinz Wollmann
Es war der Frankfurter Bürger Heinz Wollmann aus der Bardelebenstraße 10, der das Geschilderte vor siebzig Jahren erleben musste. Heinz Wollmann gehörte zu einer jüdischen Familie. Sein Vater war als Kriegsgefangener des Ersten Weltkrieges nach Frankfurt (Oder) entlassen, bis zu seiner Einbürgerung in Deutschland, zu der es jedoch nie kam. Er war ein in der Stadt bekannter und sehr angesehener Maßschneider. Sein Makel: Jude war er.
Deshalb schlugen ihm Frankfurter Bürger am 1. April 1933 die Schaufensterscheiben des Geschäfts in der Großen Scharrnstraße ein. SA-Posten zogen vor dem Geschäft auf und blockierten den Schneider, der auch SA-Uniformen nähte.
Heinz Wollmann und seinen Vater verschleppten die Nazis in das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin. Dort musste der Achtzehnjährige im Kommando Klinkerwerk bis zur völligen Erschöpfung schuften.
Unter den Bewachern der SS befand sich der ehemalige Mitschüler Bubi K. aus Frankfurt (Oder), der Heinz Wollmann schon in der Schule drangsaliert hatte. Jetzt rächte der sich dafür, dass Heinz ihn Schularbeiten nicht hatte abschreiben lassen. Er prügelte erbarmungslos den Kahlgeschorenen, den Ausgemergelten, den von schwerster Arbeit fast Verzehrten. Und als Heinz Wollmann beim Schleppen von Zementsäcken zusammenbrach, traktierten ihn seine Peiniger mit ihren Gewehrkolben. Sie zerschlugen ihm das Gesicht, die Nase und alle Vorderzähne.
Kameraden halfen, retteten ihn, konnten aber nicht verhindern, dass er immer wieder in die Kommandantur des KZ beordert und dort geschlagen und misshandelt wurde.
Pastor Martin Niemöller, ebenfalls Häftling in diesem KZ, war es, der den Häftling Heinz Wollmann vor der SS versteckte und ihm half, wieder auf die Beine zu kommen. Infolge der ihm beigebrachten Verletzungen verlor Heinz Wollmann später das Augenlicht auf dem rechten Auge.
Den Vater Heinz Wollmanns entließen die Nazis aus dem KZ Sachsenhausen mit der Maßgabe, sein Mietwohngrundstück in der Bardelebenstraße 10 zu verkaufen und danach Deutschland zu verlassen. Nur unter der Bedingung, hieß es, könnte der Sohn Heinz Wollmann aus dem KZ entlassen werden.
Der Besitzer des in der Nachbarschaft befindlichen Hotels Württemberger Hof, in dem die Nazis sich besonders wohl fühlten, hatte bereits mehrfach versucht, das Haus der Wollmanns in seinen Besitz zu bekommen. Jetzt war der richtige Zeitpunkt da. Weit unter Preis kaufte er, die Not der Menschen nutzend. Das Geschäftsinventar und Lagerbestände der Schneiderei Wollmann wurden weit unter Wert „verauktioniert“ – so nannten die Nazis das Verschleudern jüdischen Besitzes. Später wurde das gesamte Vermögen der Familie aus „staatspolizeilichen Gründen beschlagnahmt.“
Heinz Wollmann und seine Familie überlebten in Palästina und in anderen Teilen der Welt.
1995, nachdem Heinz Wollmann fünf Jahrzehnte seine furchtbaren Erfahrungen mit den Nazis verdrängt hatte, kam er an den schlimmen Ort Sachsenhausen zurück. Genau erinnerte er sich an die Orte des Grauens und des zügellosen Naziterrors, und er sagte:
"Ich habe viel mit Deutschen gearbeitet und nie einen Hass auf sie gespührt ich denke und träume deutsch."
Er sagte das mit der Erfahrung, dass seine 1956 beantragte Einbürgerung in die Bundesrepublik Deutschland abgelehnt wurde, weil, wie es hieß, kein Anspruch auf Wiedereingliederung bestehe, da er nie im Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit gewesen sei. Ein beim Regierungspräsidenten in Frankfurt (Oder) anhängiges Einbürgerungsverfahren seines Vaters für die Familie sei auf Bescheid des preußischen Innenministers abgelehnt worden.
Heinz Wollmann verstarb im April 2003 in Israel.
Angesichts solcher Schicksale – es ließen sich unendlich viele ähnliche erzählen und nicht nur an einem solchen Gedenktag wie dem heutigen – drängt sich die Frage auf, ob es nicht hoch an der Zeit ist, dass sich Kräfte der Demokratie einig und geschlossen den immer dreister werdenden Neofaschisten kraftvoll entgegenstellen – auch in unserer Stadt, wo demnächst in der Dresdener Straße 33 wieder ein Naziladen eröffnet werden soll. Sinnigerweise nennt er sich „Rabennest“ und die Besitzerin will „keine politische Gesinnung verkaufen, nur Textilien“. Es ist der dritte Versuch, sich hier zu etablieren, verhindern wir es!
Die Wollmanns, die Neumarks, die Weißmanns, die Fellerts, die Fürsts, die vielen aus unserer Stadt von den Nazis vertriebenen jüdischen Mitmenschen, von denen viele nicht überlebten, verpflichten uns dazu – wenn wir das Gedenken an sie ernst nehmen.